Blendend lernen

Nach 8 Wochen coronabedingtem Homeschooling sind die Schulen nun wieder halb offen. Was es vielerorts verschlimmert, weil die neuen Konditionen verwirren, Ungleichbehandlung noch deutlicher wird und Chancengerechtigkeit sinkt statt wächst. In jedem Fall ist nun blended learning angesagt – integriertes Lernen –, die didaktisch sinnvolle Verknüpfung von traditionellen Präsenzveranstaltungen und Formen von E-Learning, also digitalen Formaten.

Leider nicht chancengleich

Die aktuelle Situation zeigt einmal mehr, mit welch diverser Schullandschaft wir es in Deutschland zu tun haben – nicht nur wegen unserer föderalen Struktur. Die Unterschiede sind riesig, bereits innerhalb eines Stadtteils reicht die Skala von täglichen Zoom-Chats mit YouTube-Kanälen per Messenger und umtriebigen Moodle-Lernräumen über das Überbringen ausgedruckter Hausaufgaben an die Tür oder dem Übersenden des unkommentierten Wochenplans per Mail bis zur völligen Kommunikationslosigkeit.

Hinsichtlich persönlichem Engagement, digitaler Ausstattung, räumlicher Voraussetzungen, Zusammensetzung der Schülerschaft und Lehrerschaft, der Haltung der Schulleitung und den Möglichkeiten der Eltern ist alles möglich. Bzw. vieles nicht.

Das Funktionieren von Beschulung hat eben mit sehr vielen Parametern zu tun, dennoch herrscht momentan wieder die Kritik vor, dass die Digitalisierung – natürlich lang verschlafen – einmal mehr Hauptgrund des Versagens ist. Was bezogen auf die momentan notwendige nicht-analoge Logistik wirklich stimmt. Aber einmal mehr bin ich der Überzeugung, dass die Digitalisierung wieder nicht der Grund für das Scheitern ist, noch der Garant für das Gelingen wird.

Digitalität ist eine Ressource

„Die Digitalisierung“ kann nicht das Ziel funktionierender Lernorte sein, sie kann Treiber sein und ist auf jeden Fall eine große Möglichkeit, sie ist eine Ressourcenerweiterung, wenn sie sinnvoll integriert wird. Denn dies ist wirklich elementar: vorhandene Ressourcen. Sie sind der Schlüssel zum Gelingen. Und die Organisation dieser Ressourcen, die Selbstorganisation des Systems.

Natürlich müssen wir anerkennen, dass der vorhandene Laptop einen Unterschied macht, das funktionierende WLAN, die engagierte und versierte Lehrerin auf Moodle, der kommunikationsfreudige Lehrer auf dem Messenger, klar. Und wir müssen vor allem genau damit arbeiten, wenn dies alles fehlt: mit Engagement, mit Kommunikation, mit Erfahrung. Denn wir müssen nicht „die Schulen“ ändern, vielmehr kann sich jede einzelne Schule mit ihrem Kollegium und ihrer Schülerschaft zu einem gut funktionierenden Lernort entwickeln, wenn sie ihre Ressourcen (auch nicht vorhandene) anerkennt und damit arbeitet, mit ihren Beschränkungen und Möglichkeiten, in ihrem individuellen Rahmen. Diese Unterschiede müssen mitarbeiten, denn sie sind es, die vor Ort für das Gelingen oder Scheitern verantwortlich sind.

Selbstorganisation ermöglicht Wirksamkeit

Schule ist der Lernort für Selbstorganisation, die optimale Voraussetzung einer individuellen Herangehensweise an Ressourcen. Den SchülerInnen im Homeschooling fehlt aber momentan genau dies am deutlichsten: die Fähigkeit, das eigene Lernen zu organisieren, für sich in die Hand zu nehmen, Spaß und Selbstverständlicheit zu spüren, eine Verantwortung für das Lernerlebnis zu haben, nicht nur für das Lernergebnis. Obwohl Reformpädagogik und Montessorischulen längst die funktionierenden Konzepte dafür haben, vermitteln viele Lernorte immer noch nicht den Weg zur und die Lust an der Wissensaneignung, sondern nur vorgefertigte Aufgaben für Wissenserteilung.

Vorlagen gibt es viele, gute Beispiele auch, dennoch fehlt an vielen Schulen die Ressource Zeit und Personal – oft auch sicher der Wunsch nach wirklicher Veränderung und ganz sicher gibt es überall einen weiteren ganz spezifischen Grund.

Ja, das Fehlen digitaler Infrastruktur, Hardware und entsprechender Betreuung (IT Beauftragte!) ist definitiv ein elementarer Mangel. Aber bevor wir uns mit Blaupausen für die gute oder digitale Schule beschäftigen, deren Anwendung für Viele in Jahren noch nicht umsetzbar ist und auch nie 100 % Gültigkeit haben wird, helfen wir lieber der individuellen Situation vor Ort. Machen wir uns mit individuellen – und damit nicht zwingend kleinen – Schritten auf den Weg. Denn Ressourcen sind in jeder Schule so vielfältig wie wandelbar.

Ohne Schulleitung ist alles nichts

Was allerdings nicht verhandelbar ist, ist der Einsatz und die Haltung der Schulleitung. Sie muss den Wunsch zur Beweglichkeit haben, mit ihr steht und fällt der Prozess und der Wandel. Statten wir sie also mit Mut und Freude am Versuch aus, geben wir ihr ein Team an die Hand, begleiten wir sie mit Methoden und Instrumenten, schenken wir ihr Unterstützung und unser Vertrauen.

Wir erarbeiten daher eine Agenda des Gelingens, um diese den Schulleitungen zur Verfügung zu stellen – coming very soon auf www.diesterweghochschule.de

In der Zwischenzeit hier ein Artikel von Jöran Muuß-Merholz im Blog des Forum Bildung Digitalisierung zur Digitalisierung von Schule und der Gefahr, im Geräte-anschaffen stecken zu bleiben und den Wandel in der Lernkultur eben trotz digitaler Logistik nicht zu vollziehen.

Eine Freude, danach diesen Artikel von Bob Blume zu lesen, denn er handelt vom Gelingen – vom Frontalunterricht zum digitalen Lernbegleiter.

Und extrem inspirierend dieser Artikel von Verena Hasel, die mit ihrer Familie nach Neuseeland zog und ein überaus förderndes Schulsystem vorfand. Kollaboration und Wertschätzung auf allen Ebenen, besseres best practice geht nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.