Das mit dem Lernen – und der Bewertung

Lernen hat einen Wert. Unbedingt.
Auf Lernen folgt Bewertung. Stimmt, sind wir so gewohnt und gehört dazu.
Aber war das so gedacht? Und wann hat das angefangen?
Hat das mit dem Vorgang „lernen“ zu tun oder mit einem System?

Wikipedia gibt uns diese Info: „Unter Lernen versteht man den absichtlichen und den beiläufigen Erwerb von Fertigkeiten. Aus lernpsychologischer Sicht wird Lernen als ein Prozess der relativ stabilen Veränderung des Verhaltens, Denkens oder Fühlens aufgrund von Erfahrung oder neu gewonnenen Einsichten und des Verständnisses aufgefasst.“

Klingt noch völlig wertfrei. Und weiter:

„Die Fähigkeit zu lernen, ist für Mensch und Tier eine Grundvoraussetzung dafür, sich den Gegebenheiten des Lebens und der Umwelt anpassen zu können, darin sinnvoll zu agieren und sie gegebenenfalls im eigenen Interesse zu verändern.
So ist für den Menschen die Fähigkeit zu lernen, auch eine Voraussetzung für ein reflektiertes Verhältnis zu sich, zu den anderen und zur Welt. Die Resultate des Lernprozesses sind nicht immer von den Lernenden in Worte fassbar oder eindeutig messbar.“

Da geht es schon um’s Messen – allerdings um die Nichtmessbarkeit. Jetzt wird’s interessant:

„Ethymologisch ist das Wort „lernen“ u. a. mit den Wörtern „lehren“ und „List“ verwandt. Es gehört zur Wortgruppe von „leisten“, das ursprünglich „einer Spur nachgehen, nachspüren, schnüffeln“ bedeutet. Im Gotischen heißt lais „ich weiß“, bzw. genauer „ich habe nachgespürt“ und laists für „Spur“. Die indogermanische Wurzel *lais-bedeutet „Spur, Bahn, Furche“.“

Toll, das Bild mit der Spur. Und schade, dass dieses sehr Individuelle, der eigenen Spur nachzugehen, eher weniger mit unserem Bildungssystem, unserem organisierten Lernen zusammenpasst.

Aber jammern wir nicht, untersuchen wir das

Wir sind systemisch unterwegs in unserem gesellschaftlichen Miteinander, haben uns organisiert, um Komplexität zu reduzieren, darum geht es ja immer. Diese Reduktion wird dabei leicht zu verzerrter, aber alltagstauglicher Simplifizierung und Rubrizierung. Doch ohne Vereinfachung drehen wir durch, was die Sache ja auch nicht besser macht. Dummerweise führt das in manchen Fällen allerdings leider aufs selbe raus.

Es scheint uns zu helfen oder lange geholfen zu haben, Gelerntes mit deutlicher Einschätzung zur Tauglichkeit zu versehen, wir haben es messbar gemacht, um uns zu organisieren. Was fällt da auf? Genau, messen braucht man „nur“ im Wettbewerb. Soziologisch ein Reflex von Gruppe. Und ethymologisch ganz einfach: der Kampf ums Überleben. Besser schneller laufen lernen, als vom Bären gebissen. Ok, dann ist das also doch nicht ganz neu. Wiki hat das nur harmloser dargestellt mit „ein reflektiertes Verhältnis zu sich, zu den anderen und zur Welt.“

Belassen wir es für den Moment dabei: Wir haben es also beim Lernen nicht erst seit dem Notensystem mit Bewertung zu tun.

Lernen ist permanent

Nicht immer bewusst, aber intrinsisch, und auch von innen heraus bewerten wir uns, spüren wir Erfolg oder Misserfolg, wenn wir etwas gelernt haben oder das Gefühl haben, nicht weiter zu kommen, nichts dazu zu lernen.

Aus diesen Bewertungen speist sich unser Selbstwert. Und natürlich ist der höher, wenn ich mehr Lernerfolge habe, mehr Lob als Tadel erhalte, schneller dazu lerne als ich verlerne. Der Selbstwert wird von außen und von innen bedient. Und er ist nicht in Stein gemeißelt, er ist beeinflussbar und veränderbar.

Im Lauf des Lebens durchlaufen wir einige Systeme, in denen wir lernen – und Bewertung erfahren. Die jeweiligen Systeme bedienen sich verschiedener Sprachen: Lob/Tadel, Zuneigung/Liebesentzug, Noten, Freundesclique/Außenseiter, Studium/Lehre …

Dabei ist die Tatsache, dass bewertet wird, nicht per se schlimm – schlimm wird es nur, wenn Misserfolg und negative Bewertungen von außen so überwiegen, dass meine Selbstwert keine Chance hat. Dass also das äußere Wertesystem mich übernimmt und keine eigene positive Bewertung mehr möglich wird. Nicht toll.

Wie kriegen wir das also geregelt

Wie halten wir unseren Selbstwert hoch, wie können wir den Regler zwischen außen und innen in ein Gleichgewicht bringen, denn völlig abkoppeln von einer äußeren Berurteilung können wir uns nicht – es sei denn, wir leben als völlig autonome Einsiedler.

Also was ist innen, was ist außen, sortieren wir mal grob. Wenn wir lernen und das Gefühl haben, damit vorwärts zu kommen, dann zahlt das auf das

  • innere System: Befriedigung, Freude, Zuversicht, Sicherheit, Vertrauen ein
    = es erhöht den Selbstwert, das Selbstvertrauen

Das Pendant zum inneren guten Gefühl hat im Außen diese Parameter:

  • äußeres System: Noten, Beförderung, Anerkennung, Beliebtheit, Berühmtheit
    = dies definiert einen gesellschaftlichen Wert = unseren Status in einer Gruppe

System Gruppe, Status – jetzt wird es interessant. Denn Lernen ist Beziehung. Wir zu anderen, wir zu uns, innen zu außen, Gruppe zu Gruppe.

Kriterien, Wertekanon, Übereinstimmung

Auch das muss noch nicht schlecht sein, wenn ich mich in den Kriterien auskenne und weiß, wonach bewertet wird. Und mir damit auch überlegen kann, was mir davon wichtig ist, ich mir eine Haltung zum Wertekanon erarbeiten kann, mir klar werden kann, welche Systeme ich wichtig finde, ernst nehme, in welchen Kriterien ich bewertet werden möchte. Dann ist es Ansporn und Bedürfnis, einen Wert zu erlangen, es befriedigt mich, es ist ein lohnendes Ziel, weil meine selbst definierten Werte übereinstimmen. Dann hole ich mir damit Zugehörgkeit, ein elementares und sicherndes Gefühl.

Je besser wir also die eigenen und äußeren (gesellschaftlichen) Systeme und Bewertungskriterien kennen und verstehen, desto wertvoller kann Lernen für uns persönlich werden und desto weniger ist unser eigener Selbstwert von einer äußeren Beurteilung abhängig. Wir müssen uns dann nicht zwischen dem Meiden oder Bedienen eines Systems entscheiden, wir können Prioritäten setzen, das Steuer übernehmen und Beziehung schaffen.

Selbstwert stärken

Um positiven Einfluss auf unseren Selbstwert zu nehmen, kann helfen, herauszufinden, wie ich am Besten lerne. Ich sollte verstehen, wie ich dabei funktioniere, ergründen, welches System ich nutze, wobei ich am besten Lernerfolge erziele, wodurch ich Selbstwert sammeln kann, was mir hilft und was mir schadet.

Auch diese Fragen sind interessant zu beantworten:
a) Was war dein erster Lernerfolg? Wann warst du das erste Mal stolz darauf, etwas zu können? Wodurch hast du das bemerkt? Hat dir jemand Wertschätzung entgegen gebracht? Wie war die Situation? Was verbindest du damit, was ist assoziiert?
Gefühl, Ort, Landschaft, Personen, Geruch, Geräusch, Musik …

b) Wann hattest du deinen letzten/aktuellsten Lernerfolg? Wann warst du das letzte Mal stolz, etwas zu können? Was ist damit assoziiert?

Gibst du deinen Lernerfolgen eine Wichtigkeit? Was haben sie für einen Wert? Wie fühlt sich die Bewertung von außen an? Gibt es einen Unterschied zwischen damals und heute? Was tust du mit dem guten Gefühl? Könntest du es pflegen, durch Assoziation wieder aufleben lassen, in den Alltag integrieren?

Lernen definiert uns

Wenn ich meine Bedürfnisse kenne und meiner Agenda folge, kann ich mich organisieren und mir auch in großer Außenbewegung einen steten sicheren Raum schaffen. Neue Lebensbedingungen bereiten mir dann keine Angst, sondern ermöglichen mir Weiterentwicklung und das Einbetten meiner Ziele in neue und gemeinschaftliche.

Alles im Leben ist Lernen. Täglich, immer. Jedes Ziel, jeder Wunsch hat damit zu tun, und damit haben wir immer Beurteilung und Bewertung mit im Gepäck. Seien wir also aufmerksam und achtsam, dass uns nicht ungeeignete Werte im Weg stehen, dass „falsche Bewertung“ uns Mühe macht, sondern wir unsere eigene Werteskala pflegen, unseren Werten treu sind und das äußere System anerkennen und kennen, respektieren und integrieren, aber eben so, dass es uns dient und nicht die eigene Wertschätzung torpediert.

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